Das alte Rom: eine 12.000-jährige Geschichte genetischer Veränderungen, von Migration und Vielfalt

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit hunderten Jahren mit dem alten Rom. Dennoch birgt die Stadt nach wie vor einige Geheimnisse. So ist beispielsweise relativ wenig über die Herkunft von Roms BewohnerInnen bekannt. Ein internationales Forschungsteam rund um den Anthropologen Ron Pinhasi von der Universität Wien schließt diese Lücke nun mittels Untersuchungen der genetischen Geschichte und zeigt, wie sehr sich die teils turbulente Geschichte der Ewigen Stadt in ihrer Bevölkerung widerspiegelte.

Im Rahmen der Studie, die aktuell in Science veröffentlicht wurde und einen Zeitraum von 12.000 Jahren umfasst, untersuchte das Forschungsteam uralte DNA von Individuen aus Rom und angrenzenden Regionen in Italien. Die untersuchten genetischen Daten liefern einen Hinweis auf mindestens zwei große Migrationsbewegungen nach Rom, sowie auf einige kleinere aber durchaus signifikante Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur innerhalb der vergangenen zwölftausend Jahre.

Die DNA-Analysen ergaben, dass Menschen im Nahen Osten, in Europa und in Nordafrika aufbrachen und nach Rom zogen, als sich das Römische Reich um das Mittelmeer herum ausdehnte. Dadurch veränderte sich Rom – eine der ersten Großstädte der Antike – entscheidend.

"Dass wir auf so eine große genetische Vielfalt bereits zur Zeit der Entstehung Roms stoßen würden, hatten wir nicht erwartet. Die untersuchten Individuen hatten Vorfahren in Nordafrika, dem Nahen Osten und dem europäischen Mittelmeerraum", erklärt Ron Pinhasi, assoziierter Professor für Evolutionäre Anthropologie an der Universität Wien. Neben Jonathan Pritchard, Professor für Genetik und Biologie, sowie Alfredo Coppa von der Universität La Sapienza in Rom ist Pinhasi einer der Hauptautoren der Studie.

Rom habe eine interessante Möglichkeit geboten, die vom Team bereits im vergangenen Jahrzehnt angewandten Verfahren zur Analyse uralter DNA erneut einzusetzen. So könne man Informationen ergänzen, die in den historischen Aufzeichnungen bislang fehlten, erklärt Pritchard: "Historische Aufzeichnungen und archäologische Erkenntnisse geben viel von der politischen Geschichte und den Kontakten mit unterschiedlichen Orten preis, so zum Beispiel von Handel und Sklaverei. Diese Aufzeichnungen geben jedoch nur bedingt Auskunft über die genetische Abstammung der Bevölkerung."

"Daten aus uralter DNA bieten eine neue Informationsquelle, die sich sehr gut mit der Sozialgeschichte der BewohnerInnen Roms in unterschiedlichen Epochen in Einklang bringen lässt. Wir können nun Aussagen darüber treffen, wer zur Elite oder zu ärmeren sozialen Schichten gehörte, sowie familiäre Verbindungen zwischen Individuen nachweisen, die in Gemeinschaftsgräbern bestattet wurden", so Pinhasi.

Zur genauen Bestimmung der genetischen Abstammung dieser Menschen kooperierte das Team aus Stanford mit Partnern in Rom und Wien und sammelte 127 DNA-Proben von 29 Fundstätten in und um Rom, die eine Zeitspanne von der Steinzeit bis ins Mittelalter umfassen. Eine Analyse der ältesten Proben zeigt ein ähnliches Bild wie in Europa: Vor ungefähr 8.000 Jahren gab es einen Zustrom von Bauern, die hauptsächlich von frühgeschichtlich landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungsgruppen in der Türkei und dem Iran abstammten, gefolgt von Bevölkerungsgruppen, die vor ungefähr 5.000 bis 3.000 Jahren vermehrt aus der ukrainischen Steppe stammten. Zur Zeit der Entstehung Roms, die üblicherweise auf 753 v.u.Z. datiert wird, war die Bevölkerung der Stadt bereits sehr vielfältig und ähnelte modernen Völkern Europas und des Mittelmeerraums.

Für die Autoren sind das allerdings noch nicht die interessantesten Erkenntnisse. Obwohl Rom als bescheidener Stadtstaat begann, hatte es innerhalb von 800 Jahren die Herrschaft über ein Reich erlangt, das sich im Westen bis nach Großbritannien, im Süden bis nach Nordafrika und im Osten bis nach Syrien, Jordanien und den Irak erstreckte.

Die Ausdehnung des Reichs erleichterte die Wanderung und Interaktion von Bevölkerungsgruppen über Handelsnetze, neue Straßeninfrastrukturen, Feldzüge und Sklaverei.  Die Forscher stellten fest, dass die genetische Geschichte die historischen Aufzeichnungen zwar bestätigt, sie gleichzeitig aber auch verkompliziert. Die Abstammung der Bewohner Roms war einem ständigen Wandel unterworfen. Sie geht jedoch hauptsächlich auf Vorfahren aus dem östlichen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten zurück, was möglicherweise auf die – im Vergleich zu den westlichen Regionen Europas und Afrikas – dichtere Besiedlung dieser Regionen zurückzuführen ist.

Die folgenden Jahrhunderte waren von Unruhen geprägt: die Verlegung der Hauptstadt nach Konstantinopel und die darauffolgende Teilung des Römischen Reichs, Seuchen, die die Bevölkerung Roms dezimierten, sowie eine Reihe von Invasionen, wie die Plünderung Roms durch die Visigothen im Jahr 410 u.Z., bei der – wie es der Heilige Hieronymus ausdrückte –"das strahlendste Licht aller Länder ausgelöscht" wurde. Diese Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der Abstammung der Bevölkerung Roms: So verlagerte sich die Abstammung vom ursprünglich primär östlichen Mittelmeerraum hin zu Westeuropa. Der Aufstieg und die Herrschaft des Heiligen Römischen Reichs führten zu einem Zustrom von Menschen, die Vorfahren in Mittel- und Nordeuropa hatten.

"Jetzt geht es an die Planung neuer Studien, die die Interaktion zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten im Römischen Reich untersuchen. Der Fokus sollte dabei nicht nur auf den Wanderungsbewegungen bestimmter Bevölkerungsgruppen aus unterschiedlichen Regionen liegen, sondern auch die soziale Mobilität in beiden Kernregionen und den unterschiedlichen Provinzen in Betracht ziehen", so Ron Pinhasi abschließend. 

Publikation in Science:
Coppa, A.; Pinhasi, R.; Pritchard, J.; et.al.: "Ancient Rome: a genetic crossroads of Europe and the Mediterranean". Science 2019.
DOI: 10.1126/science.aay6826

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Ron Pinhasi, PhD

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