Bilirubin: Genetisch im Vorteil

Essen ohne dabei zuzunehmen, ein vorbildlicher Fettstoffwechsel und niedrige Entzündungswerte – Menschen mit einem erhöhten Bilirubinspiegel sind metabolisch gesünder. Dass Bilirubin sogar vor einigen Krebsarten schützt, fanden Ernährungswissenschafter*innen der Universität Wien rund um Karl-Heinz Wagner heraus.

Das Gilbert-Syndrome (auch als Morbus Meulengracht bekannt) galt lange Zeit als Erkrankung. Betroffene Personen sind schlanker, haben einen geringeren BMI, weniger Körperfett und bessere Fettstoffwechseldaten. Sie sind vor oxidativem Stress geschützt und weisen deutlich niedrigere Entzündungswerte auf – ohne dafür besonders gesund leben zu müssen.

Diese durchaus angenehmen Symptome sind auf einen leicht erhöhten Bilirubinwert zurückzuführen, der durch eine genetisch bedingte Unterfunktion der Enzyme UDP-Glucuronosyltransferase entsteht, erklärt Karl-Heinz Wagner vom Department für Ernährungswissenschaften der Universität Wien: "Menschen mit dem Gilbert-Syndrome haben damit einen körpereigenen Schutz vor Typ2-Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen."

Bilirubin schützt vor Krebs

Dass Bilirubin auch in einem Zusammenhang mit Krebserkrankungen steht, fanden Karl-Heinz Wagner, Nazlisadat Seyed Khoei und Claudia Hana von der Universität Wien in einem kürzlich abgeschlossenen FWF-Projekt heraus: "Wir konnten zeigen, dass ein leicht erhöhter Bilirubinspiegel im Blut das Risiko für Dickdarmkrebs senkt – insbesondere bei Frauen. Unabhängig vom Geschlecht wird durch Bilirubin auch das Risiko für Lungenkrebs reduziert." Als Basis dienten ihnen Ergebnisse aus der UK-Biobank sowie der EPIC-Studie, ein Europäisches Verbundprojekt von prospektiven Kohortenstudien in zehn europäischen Ländern mit insgesamt rund 521.000 Teilnehmer*innen.

Voraussagen über mögliche Erkrankungen

In Mitteleuropa weisen etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung einen erhöhten Bilirubinwert auf. Die positiven Effekte sind wissenschaftlich bereits belegt, doch gilt es, die Ergebnisse auch im klinischen Umfeld zu etablieren. "Bilirubin birgt das Potenzial, als Biomarker Voraussagen über chronische Erkrankungen liefern zu können. Das hätte große Auswirkungen auf Einzelpersonen, aber auch auf unser Gesundheitssystem", so Wagner.

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Bilirubin für Wirkstoffentwicklung

Bilirubin spielt aber auch für die Wirkstoffe der Zukunft eine Rolle: "Wenn es gelingt, den Bilirubinspiegel künstlich zu erhöhen und damit den assoziierten Stoffwechsel zu beeinflussen, könnten wir den körpereigenen Schutz simulieren. Das hieße auch, dass wir weniger Medikamente zu uns nehmen müssten, etwa Blutdruck- und Lipidstoffwechselsenker oder Arzneistoffe, die den Blutzuckerspiegel regulieren." Die gezielte Veränderung des Bilirubinstoffwechsels ist komplex, die Forschung dazu aber bereits im Gange. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Lebensmittel, Lebensmittelinhaltsstoffe oder Naturstoffe auf natürlichem Wege dieses komplexe Enzymsystem beeinflussen können. (hm)

Das FWF-Projekt "Bilirubin in der Entwicklung von Dickdarmkrebs und Herz-Kreislauferkrankungen" unter der Leitung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Karl-Heinz Wagner lief von Dezember 2016 bis September 2020. Kooperationspartner war das IARC (International Agency for Research on Cancer).

Die Publikation "Circulating bilirubin levels and risk of colorectal cancer: serological and Mendelian randomization analyses" (Seyed Khoei, N., Jenab, M., Murphy, N., … , Wagner, K.-H., Freisling, H.) erschien 2020 in BMC Medicine .

Die Publikation "Gilbert’s syndrome, circulating bilirubin and lung cancer: a genetic advantage?" (Freisling, H., Seyed Khoei, N., Viallon, V., Wagner, K.-H. et al) erschien 2020 in Thorax.

Die Publikation "Mild hyperbilirubinaemia as an endogenous mitigator of overweight and obesity: Implications for improved metabolic health" (Seyed Khoei, N., Grindel, A., Wallner, M., Mölzer, C., Doberer, D., Marculescu, R., Bulmer, A., Wagner, K.-H.) erschien 2018 in Atherosclerosis.