Das Potenzial der Weltbevölkerung

Bevölkerung

"Mehr Menschen haben mehr Einfluss auf die Umwelt", erklärt der Demograf Wolfgang Lutz. Ihr Einfluss hänge aber vor allem davon ab, wie sie sich verhalten, welche Technologien sie nutzen, wie sie konsumieren. Der Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung lautet daher: Bildung.

"Anthropozän ist ein symbolisches Schlagwort dafür, dass wir Menschen aktuell mehr Einfluss auf die Welt nehmen als jemals zuvor," erklärt der Demograf Wolfgang Lutz. Der Klimawandel sei erdgeschichtlich gesehen zunächst neutral, so Lutz: "Die Erde hat schon sehr viel extremere Veränderungen in ihrem Klima erlebt." Doch: Wie gefährlich ist er für das Wohlergehen der künftigen Generationen in verschiedenen Teilen der Welt? "Manche Regionen werden davon profitieren, während andere leiden." 

Wenn man zum Thema Klimawandel recherchiert, stößt man schnell auf den Begriff der Überbevölkerung, den der Sozialwissenschafter aufgrund seiner negativen Konnotation ablehnt. Gleichwohl seien wir derzeit in einer Phase, in der die Weltbevölkerung ungewöhnlich stark wachse. "In den letzten 60 Jahren ist sie von drei auf fast acht Milliarden gestiegen. Ich glaube, dass sie knapp unter zehn Milliarden abflachen wird, das werden wir in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erleben", so Lutz. 

Sind wir zu viele?

Sind wir im Hinblick auf unsere Emissionen also einfach zu viele? "Sicherlich haben mehr Menschen mehr Einfluss auf die Umwelt. Ihr Einfluss hängt aber vor allem davon ab, wie sie sich verhalten, welche Technologien sie nutzen, was sie konsumieren", so Lutz. Die höchsten Fertilitätsraten weltweit gibt es derzeit in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Laut Daten der Weltbank bekam eine Frau in Mali im Jahr 2018 durchschnittlich 5,9 Kinder, in Niger sogar 6,9. "Gleichzeitig sind diese Länder so arm, dass sie quasi keine CO2-Emissionen ausstoßen und sich kaum auf das Klima auswirken."

Umgekehrt gebe es sehr dünn besiedelte Länder mit einem starken fossilen Energieverbrauch und hohem CO2-Ausstoß. Diese Ungleichheit müsse man genauso beachten wie die unterschiedliche Vulnerabilität. Wer leidet am meisten? "Da sind wir leider wieder bei den ärmsten und am wenigsten gebildeten Menschen", so Lutz. 

Das Forschungsprojekt von Wolfgang Lutz "The Demography of Sustainable Wellbeing" zielt darauf ab, neue Indikatoren für das langfristige menschliche Wohlbefinden zu entwickeln, die Rückkopplungen von Umwelt- und anderen Veränderungen mit einbeziehen. Es wird durch einen ERC Advanced Grant finanziert und läuft noch bis 2022.

Das Schlüsselwort lautet Bildung 

Ein wesentlicher Faktor für den Rückgang von Geburtenraten ist die zunehmende Bildung der Frau. "Fertility must come into the calculus of conscious choice", laute der Lösungsansatz. In Nordafrika sind die Geburtenraten in den letzten 20 Jahren bereits deutlich zurückgegangen. Eine gewisse Basisbildung, die auch zu mehr Familienplanung befähigt, sei extrem wichtig, wie man in Stichprobenuntersuchungen aus Äthiopien sehen könne: Wenn eine Frau keine Schulbildung hat, bekommt sie im Schnitt sechs Kinder, wenn sie die Volksschule absolviert hat, vier Kinder, wenn sie Matura hat, nur zwei. 

Derzeit sieht der Demograf gerade hier starke Rückschläge. Aufgrund der COVID-19-Pandemie sind die Schulen in vielen afrikanischen Ländern jetzt schon fast ein Jahr geschlossen, doch: "Wenn Mädchen nicht mit fünf, sechs, sieben Jahren in die Schule kommen, zieht ihre Chance vorbei. Sie werden eher schon als Teenager schwanger. Damit wird auch der Prozess der Senkung der Geburtenrate verlangsamt." Außerdem gebe es in der frühkindlichen oder kognitiven Entwicklung der Kinder gewisse Fenster, und wenn die nicht genutzt werden, könne man das später nur schwer aufholen.

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Wie weit wird die Geburtenrate sinken?

Früher sei man davon ausgegangen, dass sich die Geburtenrate bei etwa zwei Kindern pro Frau einpendeln werde, erklärt Lutz, doch in den meisten westlichen und ostasiatischen Ländern liegt sie aktuell niedriger, in Korea bereits unter 1,0. Durch so niedrige Werte ändere sich das Verhältnis der Generationen zueinander und der Alterungsprozess der Gesellschaft werde beschleunigt. Aber die Entwicklung sei weniger dramatisch, wenn man sich nicht nur das Alter, sondern auch andere demographische Dimensionen anschaue: "Wir sehen in praktisch allen Bevölkerungen, dass die jungen Generationen besser gebildet sind als die Älteren." Dieser Umstand habe auch auf Gesundheit, Kindersterblichkeit und die Zunahme der Lebenserwartung positive Auswirkungen. 

"Die Welt ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen noch ungleicher geworden," so Lutz. Diese Ungleichheiten müsse man reduzieren: "Human capabilities müssen gestärkt werden: Basisgesundheit, Bildung, soziale Inklusion." Das seien Aspekte, die uns befähigen, unsere Leben aktiv und vorausschauend zu bewältigen: "Einsicht, Umsicht und Vorausschau sind Grundvoraussetzungen, um den nächsten Generationen eine lebensfreundliche Welt zu hinterlassen." (sn)

Wolfgang Lutz ist Gründungsdirektor des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, einer Kooperation zwischen dem Institut für Demografie der Universität Wien, dem International Institute for Applied Systems Analysis und dem Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (© IIASA)