Digitale Reife von Kindern

Wann sind Handys sinnvolle Werkzeuge für Kinder und wann sind sie schädlich? Und wie lässt sich digitale Reife messen? Um Fragen wie diese geht es im EU-Projekt DIGYMATEX, bei dem Forscher*innen aus zehn Ländern, unter ihnen Sozialpsychologe Arnd Florack von der Uni Wien, die Nutzung digitaler Technologien bei Neun- bis 16-Jährigen unter die Lupe nehmen.

Die rasante Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) hat Auswirkungen auf so gut wie alle Bereiche des modernen Lebens. Die zunehmende Digitalisierung betrifft dabei nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Ob zum Videos schauen, Musik hören, Schularbeiten erledigen, Spielen oder Chatten in sozialen Medien – die meisten von ihnen können sich ein Leben ohne Internet gar nicht mehr vorstellen. Doch welche Auswirkungen hat die IKT-Nutzung auf das Verhalten und das Wohlbefinden der jungen Generation?

"Genau das wollen wir im DIGYMATEX-Projekt herausfinden", erklärt Arnd Florack, Leiter der Forschungsgruppe Sozialpsychologie und Konsumentenverhaltensforschung am Institut für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie: "Digitale Technologien haben einen großen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft. Bislang ist aber überhaupt noch nicht klar, was Indikatoren für eine sinnvolle und funktionale Nutzung von Mobilgeräten und Informationstechnologien durch Kinder sind."

Vertreter*innen des DIGYMATEX-Konsortiums beim Kick-off-Meeting im März 2020 in Dänemark. Es besteht aus zwölf Partnerorganisationen von führenden Universitäten, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen in zehn Ländern – neben Österreich auch Dänemark, Deutschland, Spanien, Norwegen, Griechenland, die Niederlande, Irland, Israel und Frankreich. (© Dan Gerstenfeld)

Psychosoziale Bedürfnisse

Um sich mit diesem spannenden aber auch hochkomplexen Thema auseinandersetzen zu können, müssen Florack und seine Kolleg*innen zunächst definieren, was denn genau unter "digitaler Reife" zu verstehen ist. Dabei gilt es unterschiedliche Aspekte zu beachten, wie der Experte erklärt: "Zum Beispiel kann man aus rein technischer Sicht fragen, ob Kinder mit Handys umgehen können oder nicht. Uns interessiert aber vor allem die psychologische Seite. Wir wollen wissen, ob die Kinder mittels dieser Technologien in der Lage sind, ihre psychosozialen Bedürfnisse zu befriedigen und zur positiven Entwicklung ihrer sozialen Umwelt beizutragen."

Nicht minder schwierig wird es im nächsten Schritt, wenn die Forscher*innen sich überlegen müssen, wie sich digitale Reife überhaupt messen lässt. "Hierfür gibt es bislang noch keinen gesamtheitlichen wissenschaftlichen Ansatz. Deshalb planen wir unter anderem die Entwicklung eines speziellen Digital Youth Maturity Index, der eine Klassifikation der digitalen Reife von Kindern ermöglichen soll", so Florack.

"Gerade in der Psychologie hat man sich bisher in Bezug auf die IKT-Nutzung in erster Linie auf Fehlverhalten wie Internetsucht oder Cyber-Mobbing konzentriert", so Arnd Florack. "Natürlich muss man auch die negative Seite sehen. Ich glaube aber, dass insgesamt doch das Positive überwiegt und Kinder die Technologie durchaus sinnvoll einsetzen, um sich zum Beispiel weiterzubilden, eine Sprache zu lernen oder ihre Kreativität auszuleben." (© Jay Wennington / unsplash.com)

Aus Theorie wird Praxis

Trotz all der Theorie geht es bei DIGYMATEX letztlich aber um ein praktisches Tool, das sowohl Kindern als auch Eltern und Lehrer*innen zur Verfügung gestellt werden soll. "Längerfristiges Ziel ist die Entwicklung eines innovativen, evidenzbasierten Werkzeugs, das auf unseren Forschungsergebnissen basiert", erläutert Florack. Dieses Werkzeug soll auf intelligenten Technologien des maschinellen Lernens basieren und in Kooperation mit dem US IT-Riesen IBM umgesetzt werden. Es soll weit mehr über die verantwortungsvolle und effiziente Nutzung von Smartphone und Computer aussagen als die einfache Bildschirmzeit.

Bis dieses Tool fertig ist, müssen der Psychologe und sein Team noch einiges an Vorarbeit leisten. Im Projektplan, der sehr interdisziplinär und multimethodisch aufgesetzt ist, sind etwa mehrere Befragungsrunden mit verschiedenen Fokusgruppen vorgesehen. "Das ist unser Part: Wir fragen etwa Kinder in verschiedenen europäischen Ländern, wie ihre IKT-Nutzung aussieht, welche Probleme und Herausforderungen sie dabei sehen und was sie glauben, dass man können muss, um digital reif zu sein", verrät Florack.

"Neben Befragungen werden wir hier in Wien in unserem Labor auch Experimente mit Eye-Tracking-Systemen durchführen. Dabei stellen wir den Kindern bestimmte Aufgaben und beobachten dann die Blickbewegungen, während sie diese lösen", schildert Arnd Florack. Andere Projektgruppen wie jene in Deutschland setzen außerdem Gehirn-Scans ein, um die neurologische Aktivität von Kindern während der IKT-Nutzung zu untersuchen. (© Arnd Florack)

In Corona-Zeiten brandaktuell

Dass die Beschäftigung mit Computer, Internet, Handy und Co für Kinder gerade in Corona-Zeiten eine völlig neue Dimension bekommen hat und es deshalb noch wichtiger geworden ist, sich auch wissenschaftlich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, steht außer Zweifel. "In der aktuellen Krise ist die Bildschirmzeit der Kinder deutlich angestiegen, weil die digitalen Technologien nun auch für die Schule gebraucht werden. Mit dieser Entwicklung müssen auch die Eltern leben", berichtet Florack, der selbst zwei Kinder hat und daher aus eigener Erfahrung spricht.

"Meine persönliche Meinung ist, dass Kinder mit solchen Situationen viel besser zurechtkommen und sich schneller anpassen können als Erwachsene", so Florack. Die Corona-Krise habe aber auch gezeigt, dass es bei den Rahmenbedingungen der digitalen Lehre noch Verbesserungsbedarf gibt: "Zum Beispiel gibt es immer noch Kinder, die zu Hause keinen Internetanschluss oder Laptop zur Verfügung haben. Das ist ein gravierendes Problem, jedes Kind sollte die gleichen Möglichkeiten haben." (ms)

Das DIGYMATEX-Konsortium wird durch das EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 finanziert. Es besteht aus zwölf Partnerorganisationen von führenden Universitäten, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen in zehn Ländern. Als Koordinator fungiert Associate Professor Dr. rer. pol. Marco Hubert von der Universität Aarhus in Dänemark. Univ.-Prof. Dr. Arnd Florack von der Fakultät für Psychologie der Uni Wien ist Scientific Manager des Projekts. Im Wiener Projektteam wird er unterstützt von Franziska Laaber und Annemijn Hofstede.