Erinnerungen an die Telefonzelle

Sprache hat eine körperliche und emotionale Dimension. Wie das Erleben von Sprache mit dem benutzten Medium zusammenhängt, untersucht die Sprachwissenschafterin Julia Sonnleitner in einem aktuellen Forschungsprojekt an der Universität Wien.

Mehrsprachigkeit, Lebensgeschichte und Kommunikationsmedien – das sind drei Schlagworte, die das FWF-Projekt "Language in Motion" von Julia Sonnleitner kurz und prägnant umreißen. "Mich interessiert dabei vor allem jene Generation, die als Kinder oder Jugendliche vor dem Krieg in Jugoslawien der 1990er Jahre fliehen musste. Ihnen wurde ein Übermaß an Bekenntnis zu nationalen und sprachlichen Zugehörigkeiten abverlangt, sowohl vom Aufnahmeland als auch von den neu entstandenen Nationalstaaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens", so Sonnleitner vom Institut für Sprachwissenschaft der Uni Wien.

Medien prägen positive und negative Erfahrungen

"Sprache ist immer an Material gebunden, wie z.B. an Stein, Papier oder ein Display. Das fällt uns aber oft erst dann auf, wenn Medien aus dem täglichen Gebrauch kommen oder wenn es zu einem Konflikt darüber kommt, welches Medium wir für eine Sprachhandlung als angemessen halten", so Sonnleitner.

Eine wesentliche Frage, die die Linguistin in ihrem Hertha-Firnberg-Projekt stellt – vor dem Hintergrund der Fluchterfahrung und der Tatsache, dass die Geflüchteten einem starken Druck bei der Aneignung von Teilen ihres sprachlichen Repertoires ausgesetzt waren: Wann haben Medien rückblickend Handlungsspielräume eröffnet bzw. wann waren Medien mit negativen Erfahrungen verbunden, wie z.B. das ständige Ausfüllen von bürokratischen Formularen oder Deutsch-Tests?

"Beispielsweise fand ich interessant, was die Journalistin Melisa Erkurt, die als Kleinkind mit ihrer Mutter aufgrund des Bosnienkrieges nach Österreich floh, vor kurzem in einem Artikel schrieb: im Kindergarten sprach sie nicht, bekam aber von ihren Kindergartenpädagoginnen Bücher vorgelesen. Durch diese positive Erfahrung entwickelte sie ihre Liebe zu Büchern und fand dadurch einen Zugang zur deutschen Sprache."

Von der Telefonzelle zum Smartphone

Die Situation von Krieg, Flucht und Neuanfang stellt eine besondere Herausforderung für die Kommunikation dar: Wie bleibt man in Kontakt mit dem sozialen Umfeld, aus dem man plötzlich herausgerissen wurde und wie orientiert man sich in einer neuen Umgebung?

Kommunikationstechnologien wurden von transnationalen Familien für diese Bedarfe im Laufe der Zeit angeeignet und adaptiert; beispielsweise von der Telefonzelle über das Festnetz zu Mobiltelefon und Videotelefonieren. "Mich interessiert, wie bestehende und neue Medien im Laufe einer Biografie genutzt und bewertet werden", erklärt die Sprachwissenschafterin.

Julia Sonnleitner fasst den Medienbegriff dabei sehr weitläufig: "Alltagsgegenstände der Kommunikation und Information können zu Objekten werden, die uns an vergangene Zeiten und möglicherweise auch an andere Orte erinnern: ein Gameboy aus den 1990ern, eine jugoslawische Fernsehserie aus den 1970ern, ein Kinderbuch in kyrillischer Schrift, eine Telefonzelle oder der erste Computer."

Medien und Biografie

Biografien von Menschen, die im Laufe ihres Lebens vor Krieg fliehen mussten und in einem anderen Land Schutz suchten, werfen besonders die Bedeutung von Mehrsprachigkeit auf: Welche Rolle spielten Medien, um sich in einer neuen sprachlichen Umgebung zurecht zu finden, Kontakte aufrecht zu erhalten und herzustellen oder ein Gefühl von Kontinuität und Zugehörigkeit zu entwickeln? Dazu führt Sonnleitner qualitative Interviews, in denen sie die Schwerpunkte auf Medienbiografie und Sprachbiografie legt. "Ich möchte dazu beitragen, das sprachliche Repertoire in seiner Medialität zu erfassen." (td)

Das FWF-Projekt "Language in Motion" läuft im Rahmen des Hertha-Firnberg-Programms unter der Leitung von Mag. Dr. Julia Sonnleitner. Es startete im März 2020 und ist auf drei Jahre anberaumt.