"Jede Uni muss ihren Weg finden"

Die "Third Mission", neben Forschung und Lehre die zunehmend propagierte dritte Mission von Hochschulen, stand Ende vergangener Woche im Mittelpunkt einer Tagung an der Universität Wien. Eingeladen hatten die drei Hochschulverbände des deutschsprachigen Raumes.

"Wenn wir heute über Third Mission sprechen, dann sprechen wir über etwas, das es schon immer gegeben hat: die Wirkung der Universität in die Gesellschaft hinein." Bernhard Keppler, Präsident des Österreichischen ProfessorInnenverbandes (UPV) und Gastgeber der Trilateralen Tagung (Mitte), und seine Kollegen Gernot Kostorz, Generalsekretär der VSH – Vereinigung der Schweizerischen Hochschuldozierenden (li.) und Bernhard Kempen, Präsident des DHV – Deutschen Hochschulverbandes, unterstrichen, welche Herausforderungen es in Bezug auf die Erfüllung und Erwartungshaltungen rund um Third Mission gibt. Bei aller Aktualität des Themas und seiner Relevanz: "Die größte Wirkung in die Gesellschaft entsteht zweifellos in der Charakterbildung kritischer, zum eigenständigen und wissenschaftlichen Denken fähiger AbsolventInnen."

Wissenschaftsministerin Iris Rauskala verwies auf die Rolle von Bildung, Wissenschaft und Forschung als zentrale Treiber innovativer Gesellschaftsentwicklung sowie auf die Rolle der Universitäten, um "die Transformation der Gesellschaft" – vor allem vor dem Hintergrund von Digitalisierung, einer anwachsenden Weltbevölkerung, dem Klimawandel sowie geopolitischer Veränderungen – zu begleiten. An den Hochschulen seien auch bereits Innovationsstrategien, Wissenstransferstellen und andere Initiativen im Bereich der Third Mission gesetzt worden, "aber es gibt noch Luft nach oben".

Rektor Heinz W. Engl zeigte exemplarisch anhand des österreichischen Mathematikers Johann Radon und seiner Integralrechnungen – viele Jahrzehnte nach Entdeckung eine Grundlage für die Computertomographie – auf, inwiefern auch "nicht intendierte" Grundlagenforschung Third Mission leistet und gesellschaftlichen Fortschritt nährt. Heute gehe es bei der Third Mission u.a. darum, Rahmenbedingungen für jüngere ForscherInnen zu schaffen, die die dritte Mission als "karriererelevant" ansehen lässt.

2016 wurde das Strategieprojekt "Third Mission der Universität Wien" eingerichtet. Für Barbara Schober, neben Veronika Somoza und Christiane Spiel für die Projektleitung verantwortlich, habe sich immer wieder gezeigt, wie leidenschaftlich das Thema diskutiert wird: Third Mission sei nicht neu, doch wenig bekannt, würde nicht systematisch umgesetzt, sei nicht vernetzt und es fehle die wissenschaftliche Begleitung: "Many voices, no canon." Hier setzte das Strategieprojekt an.

Seit wenigen Wochen im Amt wird sich der neue Vizerektor der Universität Wien, Ronald Maier (zum Interview in uni:view), mit seinem Ressort Digitalisierung und Wissenstransfer künftig vor allem auch der Professionalisierung von Third Mission an der Uni Wien stellen. Man wolle u.a. die Wertschätzung dafür steigern und auch formal verankern. Auch die Goethe-Universität Frankfurt und EPFL Lausanne stellten ihre Third Mission Strategien im Rahmen der Tagung vor.

Zudem präsentieren ForscherInnen verschiedener Fachrichtungen ihre konkreten Third Mission Projekte, z.B. der Informatiker Helmut Hlavacs der Universität Wien eine App-Entwicklung mit Nutzen für die Krebstherapie bei Kindern (Projektwebsite) und Chemiker Alexander Bismarck der Universität Wien die Entwicklung kompostierbarer Food Container aus Cellulose, deren Tauglichkeit auch gleich unter Beweis gestellt wurde (Video "Pappbehälter ohne Plastik"). Martin Raditsch präsentierte die Innovectis GmbH als ein innovatives Tochterunternehmen der Goethe-Universität Frankfurt mit der Aufgabe, den Tech Transfer zu fördern, und Stefanie Heraeus, Initiatorin des Masterstudiengangs Curatorial Studies der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, einen neuen Weg bei der Ausbildung von Studierenden in Zusammenarbeit mit Kulturbetrieben.

Visionen und Herausforderungen für die Third Mission diskutierten mit dem Publikum v.l.n.r.: Michael Wagner (Uni Wien), Anke Kahl (Uni Wuppertal), Elmar Pichl (Wissenschaftsministerium), Veronika Somoza (Uni Wien und UPV) sowie Martin Gerzabek (CDG). Einig war man sich, dass Third Mission auf verschiedene Weise gelebt werden kann und weit mehr als reiner Technologietransfer bedeutet. Das Engagement könne etwa auch im Rahmen von Aufklärung (Wissenschaftskommunikation) erfolgen, um z.B. "Fake News" zu begegnen und Verantwortung als ForscherInnen zu übernehmen. Es müsse jede Hochschule und jede Disziplin ihren Weg finden, wie Third Mission gelebt werden kann. Als eine künftige Aufgabe benötige es u.a. eine systematische Förderung der Third Mission.

Am Rande der Tagung hatten Bernhard Keppler und das UPV-Präsidium mit ihren Kollegen des DHV und VSH auch eine gemeinsame Erklärung zur Freiheit der Wissenschaft abgeben und sich mit den ungarischen KollegInnen vor dem Hintergrund des jüngst erzwungenen Umzugs der Central European University aus Budapest nach Wien und weiteren zweifelhaften Maßnahmen der ungarischen Regierung solidarisiert. (Alle Fotos: © derknopfdruecker.com / Text: UPV)