Eine Werkstatt des Protests

Die "Forschungswerkstatt Protest" des Instituts für Internationale Entwicklung beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Ungleichheit, Umweltaktivismus und gesellschaftlichen Transformationen. Leiterin Antje Daniel im Gespräch über Protestforschung, Fridays for Future und Greta Thunberg.

uni:view: Frau Daniel, was sind gute Gründe, freitags auf die Straße zu gehen?
Antje Daniel:
SchülerInnen und vermehrt auch Erwachsene fordern, die Klimapolitik zu überdenken. Sie verlangen eine Klimaschutzpolitik in Übereinstimmung mit dem 1,5°C-Ziel und die Einhaltung der Politiken, die im Rahmen der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 formuliert wurden. 

Die "Forschungswerkstatt Protest" besteht aus zwölf Studierenden der Internationalen Entwicklung, wird von einer Lektorin unterstützt und von Antje Daniel (2. Reihe re.) geleitet. Bei der Datenerhebung an den Klimaaktionstagen wird die Forschungswerkstatt von weiteren Studierenden der IE unterstützt, denn nur gemeinsam kann das anspruchsvolle Forschungsdesign umgesetzt werden. (© Forschungswerkstatt Protest)

uni:view: Wie ist die Forschungswerkstatt entstanden und welche Methoden der Datenauswertung wenden Sie an? 
Daniel: Die Forschungswerkstatt ist aus einem Forschungsseminar entstanden. Im Zentrum der Analyse stehen die Internationalen Klimaaktionstage am 24. und 31. Mai, 27. September und am 29. November 2019 sowie das Klimacamp, als Ort des Umweltaktivismus, in Wolkersdorf.

Wir verfolgen einen Mixed-Method Approach: Zuerst fragen wir mit einem standardisierten Fragebogen nach Motiven und sozio-demografischen Daten der Protestierenden. Die Umfrage wird durch Kurzinterviews ergänzt, die einen tieferen Einblick in persönliche Einschätzungen und Beteiligungsmotive ermöglichen. Beobachtungsprotokolle und Mappings der Protestzüge dokumentieren Verlauf, Symboliken und Dynamiken der Proteste. Außerdem untersuchen wir mit einer qualitativen Studie die Organisation, Mobilisierung und Vernetzung von FFF und anderer Umweltinitiativen wie dem Klimacamp. Uns interessiert auch die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung des Umweltaktivismus. 

uni:view: Was machen solche Klimaaktionswochen aus Perspektive der Entwicklungsforschung interessant?

Daniel: Das Institut für Internationale Entwicklung beschäftigt sich aus kritischer und transdisziplinärer Perspektive mit Transformationsprozessen und daraus entstehenden Ungleichheiten in all ihren Facetten. Am Beispiel Fridays for Future (FFF) können wir Ungleichheitsdynamiken und daraus entstehenden Protest analysieren und betrachten, wie diese politisch verhandelt werden. Dabei greift die Forschungswerkstatt auf zentrale Fragen der Entwicklungsforschung zurück, also jene nach den Gründen für Ungleichheiten und die Gestaltung von Umbrüchen.

uni:view: Welche Ergebnisse konnten Sie bisher gewinnen? 
Daniel: FFF ist jung und weiblich, sie ist eine von SchülerInnen und Studierenden getragene Bewegung. Auch die 1968er Bewegung war jung, jedoch ist die Anzahl und der Altersdurchschnitt der an FFF teilnehmenden Jugendlichen beachtlich. Das zeigt sich auch in den Beteiligungsdaten des Klimaaktionstags im September: Am Klimaaktionstag waren 45,6 Prozent unter 25 Jahre und 25,7 Prozent unter 19 Jahre alt.

Bemerkenswert ist die hohe Mobilisierung von jungen Frauen, denn Proteste werden häufig als Männerdomäne beschrieben. Im September beteiligten sich 52 Prozent junge Frauen, während der Frauenanteil am Global Earth Strike im Mai, an dem auch Greta Thunberg teilnahm, sogar bei 62 Prozent lag.

Die ProtestteilnehmerInnen gehören außerdem der Mittelschicht an: 56 Prozent der Befragten fühlen sich der oberen Mittelschicht zugehörig, 25,8 Prozent der unteren Mittelschicht. Die Daten zeigen, dass unter den ProtestteilnehmerInnen Besorgnis, Unruhe und Wut dominieren. Diese Gefühle sind nicht unbedingt mit Hoffnungslosigkeit oder Machtlosigkeit verbunden. 

Mit 66,4 Prozent überwiegt bei den FFF-DemonstrantInnen das Gefühl, politischen Druck ausüben zu wollen. Weitere wichtige Motivationen sind der Wunsch, die Öffentlichkeit auf Klimakrise aufmerksam zu machen oder sich solidarisch zu erklären. Auch die Veränderung der eigenen Lebensweise wird eingefordert. 

uni:view: Greta Thunberg ist die Begründerin der Kampagne. Denken Sie, dass ihre Prominenz zum Erfolg von FFF beiträgt? 
Daniel: Als Führungsfigur wird aus Greta Thunberg ein Vorbild und eine Sprecherin der Bewegung. Sie motiviert, kann mobilisierend wirken und ist in ihrer Person umstritten. Die Befragung am Klimaaktionstag in Wien zeigt aber, dass die TeilnehmerInnen nur "teils, teils" durch sie beeinflusst wurden. Zwar wird sie überwiegend positiv wahrgenommen, jedoch weigern sich einige AktivistInnen gegen eine zu starke Fokussierung auf Greta, denn es gehe um Klimagerechtigkeit. 

Das EU-Parlament hat am Donnerstag den Klimanotstand für Europa ausgerufen. Im Bild sind Protestierende in Wien zu sehen, die im Rahmen einer Klimademo die Ringstraße blockieren. (© Otto Ilchmann)

uni:view: Denken Sie, dass diese Proteste ein Auslöser für politische Veränderungen weltweit sein können?
Daniel: Die Umweltbewegung umfasste am dritten Klimaaktionstag im September laut OrganisatorInnen 163 Länder und über vier Millionen Menschen. Dass für Klimagerechtigkeit global mobilisiert wird, ist beachtlich, wobei sich die Lokalgruppen in Struktur und Ausmaß ihrer Aktivitäten stark unterscheiden. In Subsahara-Afrika finden wir beispielsweise Untergruppen in Kenia, Uganda, Nigeria, Senegal, Namibia oder Südafrika. Der FFF-Aktivismus ist hier sehr divers, schließt an eine bestehende Umweltbewegung an und kann politisch wirken. Dabei werden kontextspezifische Probleme eingebracht. In Kenia beispielsweise fordert FFF den Baustopp eines Kohlekraftwerks auf der Insel Lamu. In Kampala in Uganda verbergen sich hinter FFF bereits etablierte AkteurInnen wie die Jugendbewegung "Youth Go Green Uganda" und ein Zusammenschluss an Umweltschutzorganisationen, die den globalen Streik nutzen, um auf ihre Agenda aufmerksam zu machen.

uni:view: Vielen Dank für das Interview! (st)

Die Forschungswerkstatt Protest des Instituts für Internationale Entwicklung ist ein Kollektiv aus Studierenden und DozentInnen. Durch Verwendung verschiedener sozialwissenschaftlicher Methoden soll ein möglichst breites Spektrum an AkteurInnen erfasst und eine differenzierte Perspektive auf Protestgeschehnisse ermöglicht werden. Mitglieder sind Jana Binder, Clemens Bohl, Barbara Braunhuber, Antje Daniel, Anna Deutschmann, Denise Glässer, Lena Gruber, Anne Hampp, Kathi Hofer, Otto Ilchmann, Lemonia Lange, Annette Stolz, Nora Karim und Andreas Wingender.