Geflüchteten den Einstieg an der Uni erleichtern

Seit Ende November gibt es wieder 52 neue "OLIve"-AbsolventInnen. Die Kurse erleichtern AsylwerberInnen und Asylberechtigten den Einstieg in das Studium. Welche Pläne die TeilnehmerInnen haben und was die Lehrenden aus dem Projekt mitnehmen, erzählen sie in uni:view.

"Besonders beeindruckend war, dass die Studierenden immer mehr Erklärungen eingefordert und versucht haben, das meiste für sich herauszuholen. Viele wollten verstehen, warum bestimmte Dinge in Österreich und Europa so sind, wie sie sind, und über ihre Erfahrungen diskutieren", so Anna Gerhardus, Lehrende bei "OLIve" – der Open Learning Initiative, die kostenfreie, wissenschaftliche und außerordentliche Kurse für Personen mit AsylwerberInnen- oder Aslyberechtigtenstatus anbietet. OLIve wird am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien in Kooperation mit anderen europäischen Universitäten durchgeführt.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Open Learning Initiative (OLIve) startet das Media Governance and Industries Research Lab des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit einer zweiten aktualisierten Auflage des Programmes. Das neue Konzept sieht vorbereitende Hochschulkurse für die Dauer von zwei Jahren vor; der Start ist für Frühling 2019 geplant. Das Programm wird zusammen mit der Central European University in Ungarn, der University of East London in Großbritannien und der Aristoteles Universität von Thessaloniki in Griechenland durchgeführt.

Bisher über 200 AbsolventInnen

Eine der 52 Studierenden, die den letzten Zyklus erfolgreich abgeschlossen haben, ist Bashira Taleb. "Der Kurs hat mir sehr gut gefallen und mir sehr viel gebracht. Ich habe nicht nur Vokabeln und Grammatik gelernt, sondern bin auch viel selbstsicherer geworden. Die LehrerInnen hatten sehr viel Geduld mit uns und haben uns anhand von Beispielen gezeigt, wie wir das Gelernte im Alltag anwenden können", erzählt die studierte Biomedizintechnikerin Bashira Taleb, die im Moment einen A2 Deutschkurs besucht, um anschließend auf Arbeitssuche gehen zu können.

Bashira Taleb (OLIve-Absolventin) hat an der Damaskus Universität Biomedizintechnik studiert und in diesem Bereich 15 Jahre lang als Dozentin gearbeitet. Freunde, die den Kurs bereits vorher besucht hatten, haben sie auf die Möglichkeit von OLIve aufmerksam gemacht. (© privat)

Eine andere Absolventin ist Fakhria Alawi. Sie hat bereits den dritten OLIve Zyklus absolviert und möchte später Medizin studieren. In der ersten Auflage begleitete das OLIve-Team mit EU-finanzierter Unterstützung über 200 StudentInnen bei ihren ersten Schritten hin zu den österreichischen Universitäten.

Weiter geht's mit "OLIve 2.0"

Ab Januar 2019 wird das bewährte Projekt als "OLIve 2.0" fortgesetzt. Dabei werden sowohl die stark nachgefragten Sprachkurse in Deutsch und Englisch als auch Einführungskurse in akademische Fähigkeiten und kreative Kurse weiter angeboten. Die zweite Auflage möchte zudem maßgeschneidert auf Jugendliche und Frauen eingehen. "Da sich das in Österreich bestehende Gesetz zum Recht auf Ausbildung bis 18 Jahre nicht auf Flüchtlinge über 15 Jahre anwenden lässt, stellen die Kurse einen alternativen Weg zur Bildung dar", erklärt Projektmitarbeiterin Izabela Korbiel.

Christina Bahna (OLIve-Absolventin) hat in Syrien Arabische Literatur studiert und beginnt im Februar mit dem Studium der Anglistik an der Uni Wien. Nach dem Abschluss möchte sie als Dolmetscherin arbeiten: "Der Kurs hat mir viel gebracht. Mein Wortschatz, meine Grammatik sowie meine Aussprache sind besser geworden und ich habe Techniken gelernt, einen Essay zu schreiben und zu präsentieren. (© privat)

Frauen hingegen werden oft durch bestimmte Zeitbeschränkungen, z.B. Kinderbetreuungspflichten, in ihren Partizipationsmöglichkeiten gebremst, weshalb diese Kurse speziell an ihre Bedürfnisse angepasst werden. OLIve soll ein sicheres Lernumfeld bieten – daher werden auch die TutorInnen der letzten Gruppe ausschließlich weiblich sein. Damit sollen weitere Frauen zur Teilnahme angeregt werden.

Internationale Studierende und Lehrende

Auch in Zukunft sollen die Kurse von MitarbeiterInnen der Universität Wien geleitet werden, die über weitreichende Erfahrungen auf ihrem Gebiet verfügen. Ein fester Bestandteil des Lehrplans sind wissenschaftliche Vorlesungen von ProfessorInnen – von der Kommunikationswissenschaft bis hin zur Naturwissenschaft, Laborbesuche eingeschlossen.

Sasa Peroviv (OLIve-Lehrer): "As an English teacher I am greatly impressed by students' engagement in class, openness to new ways of learning and the ability to constantly adapt and make the best of every single session. Even outside the classroom a sense of community and connection to other participants is fostered and each student gains advantage from active interaction. The project represents a stepping stone to finding their true potential through education. It is a rare opportunity to acquire knowledge and enhance language skills development free of charge." (© privat)

Das jetzige Team besteht aus SprachlehrerInnen, TutorInnen, ProfessorInnen, VerwaltungsmitarbeiterInnen und Freiwilligen. "Nicht nur die Gruppe der Flüchtlinge ist international – auch wir kommen aus zwölf Ländern und sprechen 14 Sprachen", so Izabela Korbiel. Um das breite Angebot zu ergänzen, werden StudentInnen der Universität Wien als Freiwillige bei OLIve mitarbeiten.

Alle OLIve- Kurse und -Tutorien zielen auf die Vorbereitung zu den Aufnahmeprüfungen an österreichischen Universitäten ab. Die StudentInnen werden bei ihrer Integration in das österreichische und europäische Hochschulsystem unterstützt.

Anna Gerhardus (OLIve-Tutorin): "Das Projekt gibt den Studierenden nicht nur einen Einblick in das Studieren an einer europäischen Hochschule, sondern bietet auch die Chance, Kontakte zu knüpfen und ihre Fähigkeiten zu stärken." (© privat)

OLIve-AbsolventInnen werden zu Vorbildern

Teilnehmer Eshan Davoodabadi hat am 24. November seine Abschlussurkunde erhalten. Davoodabadi arbeitet ehrenamtlich als Übersetzer für die Diakonie. "Dort erzählte mir ein Freund von dem OLIve Kurs", so Davoodabadi, der im Iran Englisch Übersetzen und Dolmetschen studiert hat. "In den drei Jahren in Österreich habe ich mich jedoch mehr auf das Erlernen der deutschen Sprache konzentriert als auch auf die Entwicklung meiner Englischkenntnisse. Deshalb brauchte ich etwas, das mich in der englischen Sprache auf dem Laufenden hielt und mir die Möglichkeit gab, mich kostenlos auf den Test vorzubereiten", erzählt Davoodabadi.

Solange der Asylentscheid aussteht, könne er jedoch mit dem Zertifikat nicht viel anfangen. "Ich plane aber, mich an der Universität in einem englischsprachigen Hauptfach weiterzubilden oder möglicherweise weiterhin Englisch zu unterrichten, sobald ich als 'normale Person' arbeiten darf."

Eshan Davoodabadi (OLIve-Absolvent) hat im Iran Englisch Übersetzen und Dolmetschen studiert. Nach einer Ausbildung zum Lehrer unterrichtete er zehn Jahre lang, davon sieben Jahre in einem akademischen Sprachzentrum. (© privat)

All diese OLIve-AbsolventInnen können wiederum Vorbilder sein, deren Erfolge andere anregen sollen, ihnen nachzueifern. "Unser Programm hat eine hohe integrative Komponente, das auf Vorbildern für Flüchtlinge abzielt", so Korbiel abschließend: "Zu den Vorbildern gehören Menschen mit Flüchtlingsstatus, die die OLIve-Programme in Wien oder an Partneruniversitäten absolviert haben und sich anschließend in Europa entweder der Weiterbildung gewidmet oder mit ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen eine berufliche Karriere begonnen haben." (red)

Punsch trinken. Häferl kaufen. OLIve unterstützen
Mit dem Kauf eines GSCHEIT HEISS-Häferls am Punschstand in der Aula der Universität Wien spenden Sie für das Projekt "OLIve" (Open Learning Initiative). Die Aktion startet am 3. Dezember und läuft bis 13. Dezember. Mehr Infos (© Universität Wien)

OLIve wird unter der Leitung von Katharine Sarikakis als Erasmus+-Projekt von der Europäischen Kommission gefördert. Es soll auf europäischer Ebene Wirkung zeigen und Möglichkeiten sichtbar machen, durch pädagogische Interventionen Flüchtlinge zu fördern und ihnen dort Zugang zu ermöglichen, wo es bestehende Lücken im politischen System gibt. Das Programm soll dazu beitragen, das Problem hinsichtlich fehlender anerkannter Qualifikationsnachweise bestmöglich zu lösen und Flüchtlinge dabei zu fördern, an den österreichischen Universitäten zugelassen zu werden.