"Verschwörungstheorien sind zugleich langweilig und brandgefährlich"

Verschwörungstheorien

COVID-19 bildet den idealen Nährboden für Verschwörungstheorien. Philosophin Caroline Heinrich erklärt im Interview, wie sich Menschen über Verschwörungstheorien scheinbar Kontrolle über eine bedrohliche Situation zurückholen, und wie man Schüler*innen helfen kann, derartige Theorien zu enttarnen.

uni:view: Frau Heinrich, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit Verschwörungstheorien. Warum sind gerade jetzt in der COVID-19-Pandemie so viele davon im Umlauf?
Caroline Heinrich: Das ist keineswegs überraschend. Denn Ereignisse, die bis zum Zeitpunkt ihres Eintritts für die meisten Menschen unvorstellbar waren, bilden den idealen Nährboden für Verschwörungsgeschichten. Die COVID-19-Pandemie besitzt zweifellos die Qualität eines solchen Nährbodens. Mit dem plötzlichen Einbruch des Virus in unser Leben haben sich innerhalb kürzester Zeit die politischen Entscheidungen überschlagen – von der Schließung von Schulen, Universitäten, Grenzen bis hin zu weitgehenden Ausgangsbeschränkungen. Hinzu kommt, dass "Corona" nicht einfach nur einen radikalen Schnitt zwischen dem Leben vorher und nachher gesetzt hat, sondern auch weiterhin den Alltag bestimmt. Die Angst vor dem Virus in der "Halbnormalisierung" führt zur beklemmenden Situation einer Sterilisierung des Lebens.

Die Verschwörungsanhänger*innen, die sich das Ereignis "Corona" mit dem großen Plan einer Verschwörung erklären, gewinnen mit ihrem Erklären scheinbar Kontrolle über die Situation zurück. Zugleich können sie sich überlegen fühlen und sich über jene erheben, deren geistige Kapazitäten zu beschränkt sind, um das Ereignis als Folge einer Verschwörung zu verstehen. 

uni:view: Wie entstehen diese Theorien?
Heinrich: Es ist immer dasselbe Schema: Ob Flugzeuge ins World Trade Center stürzen, Menschen in großer Zahl nach Europa flüchten oder Notre Dame brennt – kurze Zeit später ist die erste Verschwörungstheorie im Netz, die erklärt, welche Regierung, welcher Geheimdienst, welche Lobbygruppe dahintersteckt. Jetzt ist es "Corona". Und wenn mit einem Schlag der Stephansdom in sich zusammenstürzte oder sonst irgendetwas Spektakuläres passierte, ginge die Sache von vorne los.

Im Grunde sind Verschwörungstheorien langweilig, weil sich die Kindergeschichte vom Kampf "Gut gegen Böse" ständig wiederholt. Zugleich können Verschwörungstheorien brandgefährlich sein. Die Verschwörungstheorie der "Corona-Diktatur" lässt erkennen, dass die extreme Rechte bereitsteht, um das Vakuum allgemeiner Verunsicherung ideologisch auszufüllen.

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uni:view: Würden Verschwörungstheorien ohne Social Media überhaupt Gehör finden?
Heinrich: Ja, weil es in der Möglichkeit des Menschseins liegt, vom Bösen fasziniert zu sein und sich der Intelligenz des Bösen überlegen zu fühlen. Ebenso gibt es die menschliche Neigung, sich mit der absurdesten Behauptung anstelle einer zureichenden Erklärung zufriedenzugeben und an die Stelle aufwendiger Analysen moralische Empörungen zu setzen.

Die Geschichte zeigt, dass Verschwörungstheorien kein neues Phänomen sind. Neu hingegen ist die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung. Diese Geschwindigkeit zeigt, in welchem Ausmaß die Beschleunigung von Reiz und Reaktion an die Stelle gründlicher Beurteilungsprozesse getreten ist. Neu ist außerdem das Phänomen, dass ein Medium Unmengen an (Falsch-)Information bereitstellt, die zu allgemeiner Verwirrung führen, und dass Algorithmen im Netz Filterblasen der Welt-Wahrnehmung erzeugen, die Prinzipien der Aufklärung verletzen und so zur Gefahr für die Demokratie werden.

uni:view: Warum sind manche Menschen empfänglicher als andere?
Heinrich:
Weil Menschen verschieden und ihre Denk- und Lebensformen unterschiedlich sind. Empfänglich für Verschwörungstheorien sind Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – meinen, des Mehrwerts zu bedürfen, den der Glaube an Verschwörungstheorien mit sich bringt. Denn wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, dem bringt die Welt keine Widerstände mehr entgegen. Widerstände erklärt der Verschwörungsglaube weg.

Wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, wird von der Frage nach dem Sinn des In-der-Welt-Seins entlastet. Denn die Verschwörungstheoretiker*innen sind überzeugt, eine Aufgabe von weltgeschichtlicher Bedeutung zu erfüllen. Wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, kann außerdem die Unsicherheit, die das Menschsein mit sich bringt, ablegen. Verschwörungstheoretiker*innen sind der Meinung, unangreifbar und außergewöhnlich zu sein, da sie den perfiden Plan einer Verschwörung durchschauen, während sich gewöhnliche Menschen weiterhin verschaukeln lassen.

uni:view: Wie kann man Verschwörungstheorien am besten enttarnen?
Heinrich:
Die Frage ist, was enttarnt werden soll. Und auch, für wen dies geschehen soll und ob dies ein sinnvolles Vorhaben wäre. Aus Sicht der Fachdidaktik wäre es sinnvoll, Schüler*innen Hilfestellung bei solchen Enttarnungen zu geben. Man könnte sie gedanklich durchspielen lassen, wie viele logistische Hindernisse bei der Durchführung einer behaupteten Verschwörung hätten bewältigt werden müssen und wie viele Eingeweihte es hätte geben müssen. Am besten aber legt man den Unsinn von Verschwörungstheorien offen, indem man die Schüler*innen Verfahrensweisen, um Ver-schwörungsinhalte zu plausibilisieren – Dekontextualisierung von Information, fehlerhafte Analogieschlüsse etc. – selbst aufdecken lässt.

Bei Menschen hingegen, deren Verschwörungsglauben den Grad fanatischer Überzeugung angenommen hat, wäre es ein sinnloses Unterfangen, Verschwörungstheorien enttarnen zu wollen. Denn warum sollte jemand, der sich mit seinem ganzen Leben und Denken in einer Verschwörungswelt eingerichtet hat, die Sicherheit, die ihm seine Verschwörungswelt gewährt, aufgeben? Wer unbedingt an etwas glauben will, wird dies in jedem Fall tun.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (bw) 

Caroline Heinrich ist seit Februar 2020 Professorin für Philosophie und Ethik in Schule und Gesellschaft an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Gesellschaftsordnungen, Machtformen und Disziplinarstrukturen, Sprachfunktionen sowie Didaktik und Methodik der Philosophie und Ethik. ( © Johannes Schneider)