COVID-19: IMPFEN WIRKT

Uni Wien

Expert*innen der Universität Wien erklären, welche Berührungspunkte ihre Forschung mit der COVID-19-Pandemie hat, und wie sie die Bedeutung der Corona-Schutzimpfung für die Universität und die gesamte Gesellschaft einschätzen.

Christiane Spiel, Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung

"In Folge der COVID-19 Pandemie wurden in Österreich Mitte März 2020 mehr als 1,1 Million Schüler*innen und über 380.000 Studierende mehr oder weniger unvorbereitet auf Home-Learning umgestellt, wodurch selbstreguliertes Lernen zur Notwendigkeit geworden ist. Wie dies gelingt, untersuchen wir in einem Forschungsprojekt an der Fakultät für Psychologie.

Die Pandemie hat die hohe Bedeutung von wissenschaftlicher Forschung für die Gesellschaft aufgezeigt. Dass wissenschaftliche Studien und ihre Ergebnisse, die üblicherweise sehr differenziert diskutiert werden, derzeit sehr schnell und verkürzt in die Öffentlichkeit kommen, oft noch bevor ihre Robustheit ausreichend geprüft wurde, zeigt auch, wie aufwändig und wichtig dieser wissenschaftliche Austausch, diese Diskurse sind.

Die eindeutig größte wissenschaftliche Leistung in dieser Pandemie war die Entwicklung und Prüfung von Impfstoffen in unglaublich kurzer Zeit. Die Impfungen werden ermöglichen, dass wir unsere psychologischen Grundbedürfnisse wieder befriedigen können: Menschen, die uns lieb und wichtig sind, treffen, ausgehen, Veranstaltungen besuchen, Reisen und vieles mehr. Wichtig ist jedoch, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Ich selbst freue mich schon sehr auf meine Impfung."  

Christiane Spiel (© Gerhard Schmolke)

Christopher Gerner, Institut für Analytische Chemie

"Wir analysieren menschliche Proben mit dem Ziel, insbesondere chronische Erkrankungen besser verstehen und behandeln zu können. An COVID-19 interessiert uns ganz besonders, warum manche Menschen besonders starke Symptome entwickeln, während andere die Erkrankung nicht einmal bemerken. Wir würden uns eine Voraussagemöglichkeit des Erkrankungstyps aufgrund von Blutanalysen wünschen.

Je mehr Menschen dem Virus durch eine Erkrankung die Möglichkeit geben, zahllose Mutationen 'auszuprobieren', umso höher wird die Chance, dass sich gefährlichere Mutationen bilden. Ich denke, dass Mutationen die größte Gefahr für die dringend nötige Erholung für unsere Gesellschaft und Wirtschaft sind. Nur wenn wir das Virus stark eindämmen, was durch eine Impfung erreicht werden kann, besteht eine Chance, die Bildung weiterer gefährlicher Mutationen zu unterbinden. Eine Pandemie ist eine riesige soziale Herausforderung. Nur, wenn sich alle an gewisse Spielregeln halten, funktionieren sie wirklich gut, und das Fehlverhalten von nur Wenigen kann fatale Folgen haben. Eine Impfung ist nicht nur ein Schutz für einen selbst, sondern auch ein dringend nötiger Dienst an der Gesellschaft."

Christopher Gerner (© derknopfdruecker.com)

Gerhard Ecker, Department für Pharmazeutische Wissenschaften

"In unserer Forschung beschäftigen wir uns mit Computermethoden für die Entdeckung und Entwicklung neuer Arzneistoffe. Der Fokus liegt hierbei auf der Vorhersage von Nebenwirkungen, idealerweise noch vor den ersten Tierversuchen. Das Besondere bei der Entwicklung möglicher Arzneistoffe gegen COVID-19 -Infektionen ist die öffentliche Verfügbarkeit vieler der weltweit erhobenen Daten. Dies kann die Entwicklung von Arzneistoffen wesentlich beschleunigen. Es muss jedoch betont werden, dass es bis zur Markteinführung eines neuen Arzneistoffes trotzdem noch mehrere Jahre dauern wird. Der einzige Weg, die Pandemie schnell in den Griff zu bekommen, führt daher über eine wirksame Impfung.

Wo wären wir heute ohne die Impfungen gegen Mumps, Masern, Diphterie, Keuchhusten, Tetanus, Pocken, FSME, Kinderlähmung? Impfungen trainieren unser Immunsystem, Krankheitserreger zu erkennen und zu bekämpfen. Sie sind der einzige Weg, damit wir mit den zugrunde liegenden Erregern selbst fertig werden und entweder gar nicht erkranken oder nur sehr milde Symptome zeigen. Auch im Fall von COVID-19 ist eine Impfung meiner Meinung nach der einzige Weg, um die Pandemie bis Ende dieses Jahres unter Kontrolle zu bekommen. Ich werde mich daher impfen lassen, sobald ich das Angebot dazu erhalte. Bezüglich Impfstoff werde ich jeden nehmen, der mir angeboten wird, es schützen alle von der EMA zugelassenen Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen."

Gerhard Ecker (© Barbara Mair)

Sieglinde Rosenberger, Institut für Politikwissenschaft

"COVID-19 schränkt die Mobilität ein, Grenzen werden aufgezogen, kontrolliert und geschlossen. Im BordEUr-Projekt beschäftigen wir uns vergleichend mit Grenzpolitik bei Flucht und Pandemie.

Impfen schützt – mich und uns alle! Selten hat eine individuelle Haltung derart große gesellschaftliche Implikationen, lokal wie global, wie meine Impf-Entscheidung."

Sieglinde Rosenberger (© Josef Krpelan)

Lea Ann Dailey, Department für Pharmazeutische Wissenschaften

"Ich arbeite an der Entwicklung von antiviralen Arzneimitteln, die durch Inhalation direkt in die Lunge verabreicht werden können, um Lungeninfektionen wie COVID-19 gezielt zu bekämpfen. Meine Kolleginnen Judith Rollinger und Ulrike Grienke entdecken neue antiviralen Wirkstoffe aus Naturstoffen und leiten diese an meine Gruppe weiter, damit wir daraus ein Inhalationsprodukt entwickeln.

Impfstoffe sind sehr effektiv darin, einen großen Teil der Bevölkerung vor Infektionserkrankungen zu schützen. Zudem bieten sie diesen Schutz bei einem guten Verträglichkeitsprofil. Ältere Menschen werden vor einer für ihre Altersgruppe sehr gefährlichen COVID-19-Erkrankung geschützt. Letztlich ist es auch wichtig, dass so viele Personen wie möglich durch die Corona-Impfung diesen Schutz erreichen, damit wir uns im Alltag wieder frei bewegen können, unseren Geschäften und Berufen ohne Einschränkung nachgehen können, und die Gesellschaft unserer Freunde und Familien genießen können."

Lea Ann Dailey (© Barbara Mair)

Konrad Liessmann, Institut für Philosophie

"Seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr habe ich mich immer wieder mit den damit zusammenhängenden zentralen philosophischen und ethischen Fragen beschäftigt. Da ich kein Virologe bin, habe ich mich weniger mit der medizinischen Sinnhaftigkeit von Lockdowns oder Ausgangsbeschränkungen auseinandergesetzt, sehr wohl aber mit sozialen und politischen Aspekten der Pandemie.

Es gibt meines Erachtens zur Impfung keine wirklich akzeptable Alternative, um die Pandemie zu entschärfen. Bei aller Skepsis, vor allem angesichts der Logistik der Beschaffung und Verteilung der Vakzine, wird erst eine flächendeckende Impfung zu einem Grad der Immunisierung führen, der die Wiederaufnahme gewohnter Lebensvollzüge ermöglicht. Für mich stellt die in Aussicht gestellte Impfung sowohl einen individuellen Schutz als auch eine gesellschaftliche Chance dar."

Konrad Liessmann (© Universität Wien)

Katharina Paul, Institut für Politikwissenschaft

"Als Sozialwissenschaftlerin beschäftige ich mich mit den institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen für Impfungen, sowohl in Österreich als auch im internationalen Vergleich. Dabei lässt sich beobachten, dass ein Großteil der Menschen einer COVID-19 Schutzimpfung positiv gegenübersteht. Um dies zu bewahren, müssen politische Entscheidungsträger allerdings Bedingungen sichern, die ein Vertrauen in das Impfsystem nachhaltig fördern.

Jede*r Einzelne kann mitwirken: durch Vorbildwirkung sowie durch offene Gespräche mit jenen, die einer COVID-19-Schutzimpfung – oder auch anderen grundlegenden Impfungen – zögerlich gegenüberstehen."

Katharina Paul (© Sengmüller)

Judith Rollinger, Department für Pharmazeutische Wissenschaften

"Schon seit Jahren liegt ein Schwerpunkt meiner Forschung in der Auffindung von Naturstoffen, die effizient gegen akute Infektionen des Respirationstrakts wirken. Dabei kommt traditionelles Wissen um heilkräftige Medizinalpflanzen zur Anwendung. Während zunächst v.a. Naturstoffe gegen Grippeviren im Vordergrund standen, identifizieren wir momentan multipotente Naturstoffe, die mit geballter Kraft gegen mehrere pathogene Keime, darunter SARS COV-2, Influenza und Pneumokokken, gleichzeitig vorgehen können.

In Anbetracht aller wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir heute haben und in eine Nutzen-Risiko-Abwägung einfließen lassen können, ist die Sachlage eindeutig! Sowohl für den Eigenschutz als auch im Sinne einer gesellschaftlichen Solidarität ist eine Corona-Schutzimpfung – unabhängig davon, welcher der in der EU zugelassenen Impfstoffe zum Einsatz kommt – eindeutig auf der Nutzenseite. Ausschlaggebend ist vor allem der Faktor Zeit bis zur (Teil-)Immunisierung. Ähnlich wie beim Grippeimpfstoff werden die Hersteller ihre Produkte kontinuierlich den zirkulierenden Mutationen anpassen müssen. Dadurch kann die Antikörperpassgenauigkeit und somit die Immunität erhöht werden.

Damit wir aber wieder in unsere langersehnte Normalität zurückkehren können, in der wir unser so lebensnotwendiges Miteinander pflegen können, ohne uns oder unser Gegenüber zu gefährden, ist ein Nicht-Impfen oder auch das Hinauszögern und Warten auf einen 'besseren' Impfstoff in jeder Hinsicht kontraproduktiv."

Judith Rollinger (© Privat)

Ulrich H.J. Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin

"Freiheit, Solidarität, Verantwortung, Gerechtigkeit – das sind zentrale ethische Grundwerte in der Corona-Pandemie. Im Kern drehen sich die Debatten um die angemessenen Strategien zur Eindämmung der Pandemie darum, wie sich Freiheit und Verantwortung, Eigenverantwortung und Verantwortung für Dritte in ein ausgewogenes Verhältnis bringen lassen. Das Impfthema ist dafür ein konkretes Beispiel.

Als Medizin- und Sozialethiker bin ich schon länger mit dem Thema befasst. Am Thema Impfen zeigt sich zugespitzt, welche Konflikt- und Diskussionsfelder präventive Gesundheitsentscheidungen eröffnen können, wenn sie über die individuelle Ebene hinausreichen. Zudem sind die Pro- und Contra-Argumente mit starken Emotionen verbunden. Die Vehemenz, mit der die konträren Positionen vorgetragen werden, lassen die Sachebene schnell hinter sich.

Wollen wir nicht immer wieder von einem Lockdown in den nächsten geraten, bedarf eines einer auf mehreren Säulen beruhenden Strategie, zu der beispielsweise flächendeckende und regelmäßige Testungen gehören. Klar ist aber, dass die Corona-Pandemie ohne flächendeckende Impfungen nicht zu beenden sein wird. Ein weiteres Ziel muss in der Entwicklung antiviraler Therapien bestehen. Solange diese aber noch nicht vorhanden sind, kommt der Impfung gegen COVID-19 höchste Priorität zu.

Nach meinem Dafürhalten ist es eine moralische Verpflichtung, sich impfen zu lassen, weil jede*r Patient*in weniger das Gesundheitswesen entlastet. Dass dieses auch weiterhin funktionsfähig bleibt, dafür tragen wir alle gemeinsam Verantwortung."

Ulrich H.J. Körtner (© Hans Hochstöger)

Claus Lamm, Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden

"Wir untersuchen mittels Befragungen und Smartphone-basierten Tagebuchmethoden, inwiefern sich die Lockdowns negativ auf Stress, Sozialverhalten und psychologisches Wohlbefinden auswirken. Dabei hat sich gezeigt, dass jüngere Erwachsene – und somit auch Studierende – durch die Lockdowns besonders belastet werden. 

Die Impfung ist der einzige nachhaltige Weg, um die derzeitige Disruption unseres gesellschaftlichen Lebens zu einem (zumindest vorläufigen) Ende zu bringen. Die wissenschaftliche Entdeckung und Anwendung von Impfungen – egal wogegen – ist zudem eine Erfolgsgeschichte und eine der bedeutendsten menschlichen Errungenschaften. Durch Impfen können Krankheiten, die hohes Leid und Sterblichkeit verursachen, kontrolliert und sogar eliminiert werden. Das funktioniert – gerade bei hoch ansteckenden Krankheiten – nur dann, wenn alle mitmachen.

Sich impfen zu lassen ist daher oft, aber insbesondere in der aktuellen Situation, auch ein solidarischer Akt: Ich mache mit und nehme aus meiner Sicht vernachlässigbare Unannehmlichkeiten auf mich, um mich selbst, aber auch andere zu schützen. Und was bei COVID-19 noch dazu kommt: um uns allen wieder ein 'normales' Zusammenleben zu ermöglichen."

Claus Lamm (© Martin Zimmermann)