Wie stoppt man eine Pandemie?

Pandemie und mögliche Maßnahmen

Die Wirtschaftswissenschafterin Marion Rauner forscht und lehrt seit über 20 Jahren zu den Themen Epidemien und Katastrophenschutz. Gemeinsam mit Bernhard Schwarz von der MedUni Wien hat sie in der Österreichischen Krankenhauszeitschrift den Artikel "Viribus Unitis: Wie stoppt man eine Pandemie" veröffentlicht.

uni:view: Was sind Ihre aktuellen Empfehlungen für die Eindämmung der Corona-Pandemie in Österreich?
Marion Rauner: Die Ressourcen sind limitiert. Sowohl Masken als auch Tests sind nur begrenzt verfügbar, also braucht es weitere strategische Maßnahmen. Es reicht nicht, sich hier nur auf das Gesundheitspersonal, Militär etc. zu konzentrieren. Da Kinder und Jugendliche offenbar asymptomatische Verteiler des Virus sind, empfehle ich, dass sie nicht in Supermärkte oder Apotheken dürfen. Da es keine Masken für Kinder gibt, empfehle ich außerdem, dass Kinder möglichst nur mit Schal – mehrfach um Mund und Nase gewickelt – sowie mit Handschuhen vor die Haustür dürfen. Diese sollten vor dem nächsten Ausgang gewaschen werden.

Ich fordere auch, dass die Personengruppen, die in Supermärkten, Apotheken, Post, Müllabfuhr, Tankstellen etc. arbeiten, täglich getestet werden. Auch hier gilt: Wenn keine Masken vorhanden sind, dann Schal und Handschuhe verwenden. Die asiatischen Länder haben die Situation nur mit Maskenpflicht in der Öffentlichkeit in den Griff bekommen. Und mit zusätzlichen Tests.

Natürlich müssen diese Empfehlungen und Maßnahmen laufend evaluiert und an die Situation angepasst werden.

uni:view: Wann war Ihnen klar, dass das Corona-Virus ein weltweites Thema sein wird?
Rauner: Als ich aus den Weihnachtsferien zurückgekehrt bin, habe ich mich rasch dem Thema gewidmet, nachdem ich mich schon seit 2005 eingehend mit SARS, Pocken, Polio und Influenza beschäftigt hatte. Dieses Wissen konnte ich im postgradualen Lehrgang der Universität Wien "Risikoprävention und Katastrophenmanagement" jahrelang an Einsatzkräfte weitergeben. Mitte Jänner habe ich erkannt, dass die Gefahr sehr groß ist, weil ich das SARS Policy-Beispiel vor Augen hatte: Im Februar 2003 hat sich eine kleine Gruppe Menschen in einem Hotel in Südostasien mit SARS infiziert und diese Seuche dann weltweit verstreut. 

uni:view: Sie beschäftigen sich bereits seit 27 Jahren mit der Eindämmung von Epidemien. Was war Ihre erste Arbeit dazu?
Rauner: Meine Dissertation über die Ausbreitung von HIV/AIDS in den unterschiedlichsten Risikogruppen und die Bewertung von Interventionsmaßnahmen samt Behandlung von Erkrankten. Hier konnte ich auch den Institutionen in Wien Feedback zu ihren Strategien geben. Diese Forschung habe ich schließlich an der renommierten Stanford University mit Margaret Brandeau fortgesetzt – dort konnte ich sehr viel zum sogenannten "disease policy modelling" lernen.

Seit 1998 kooperiere ich sehr eng mit internationalen Kolleg*innen zu diesen Themen. Außerdem durfte ich mit zahlreichen Kolleg*innen zur Eindämmung von chronischen Krankheiten oder Arbeitsunfällen forschen, allen voran mit meinem Kollegen Bernhard Schwarz von der Medizinischen Universität Wien, mit dem ich den aktuellen Artikel "Viribus Unitis" veröffentlicht habe.

uni:view: Sie forschen außerdem zum Thema Katastrophenschutz, wie kam es dazu?
Rauner: Das Thema Katastrophenschutz wurde einerseits von meinen interessierten Studierenden aus dem Rettungswesen angestoßen. Andererseits ist es mein eigenes starkes Interesse, Katastrophen einzudämmen, damit die Gesundheit der Bevölkerung bestmöglich erhalten bleibt. Meine erste Arbeit dazu war mit Nikolaus Bajmoczy über die Bewertung des Einsatzes von Frühdefibrillationsgeräten für das Rote Kreuz, wofür wir mit dem Pharmigpreis für Gesundheitsökonomie 2002 ausgezeichnet wurden.

Ein Forschungshighlight war unser Katastrophenplanspiel für Großschadenseinsätze, entwickelt von meinem Dissertanten Helmut Niessner, mit spannenden experimentell ökonomischen Studien von Ulrike Leopold-Wildburger sowie Optimierungsansätzen von Walter Gutjahr.

Ein wichtiger Punkt war auch die Teilnahme am EU-Projekt "S-Help – Securing Health. Emergency. Learning. Planning". Das Projekt lief unter dem großen Thema Katastrophenschutz. Ziel war es, ein Entscheidungsunterstützungssystem bzw. ein Kommando-Kontroll-System zu entwickeln. Auch nach Ende dieses Projektes habe ich mich mit meinen Studierenden intensiv dem Thema Katastrophenschutz gewidmet. Dieses Wissen stellen wir jetzt nochmals unter Hochdruck den Entscheidungsträgern zur Verfügung.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch. (bw) 

Marion Rauner forscht und lehrt an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Epidemien und Katastrophenschutz, aber auch Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement. (© Theresa Dirtl)

Die Publikation "Viribus Unitis: Wie stoppt man eine Pandemie" (Autor*innen: Marion Rauner, Bernhard Schwarz) erscheint in der Zeitschrift "Das österreichische Gesundheitswesen – ÖKZ".